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Die Entdeckung der Lehre

 

Endlich fördern die Unis Dozenten, die spannende Vorlesungen halten und ihre Studenten gut betreuen. Und sie haben verstanden: Exzellenz ist planbar.

Eigentlich hört es sich ganz einfach an. »Ich knüpfe an das an, was die Studenten schon kennen. So erreiche ich sie«, sagt Hubert Truckenbrodt. Also beginnt der 44-jährige Sprachwissenschaftler seine Einführung in die Phonologie eben nicht mit der abstrakt-akademischen Beschreibung irgendwelcher Laute, sondern geht erst mal die menschliche Anatomie durch. »Was machen wir, wenn wir Schluckauf haben, flüstern oder pfeifen?«, fragt Truckenbrodt. Und schon hat er sie an der Angel, seine Studenten.

Die meisten Hochschullehrer aber tun genau das, was Truckenbrodt vermeiden möchte: Sie dozieren mit einem Wust an Theorien und ohne sichtbare Begeisterung über die Köpfe ihrer Studenten hinweg, hilflos, oft genug aber auch gleichgültig und gelangweilt. Sie verschlampen Hausarbeiten, lassen Sprechstunden ausfallen oder gleich die ganze Vorlesung. Bislang hat ihnen die ausgeprägte Lehrmüdigkeit nicht weiter geschadet, im Gegenteil: Wer die akademische Karriereleiter erklimmen wollte, musste sich als Forscher die Anerkennung seiner Kollegen erkämpfen, nicht die der Studenten. Doch jetzt dreht sich die Stimmung, und das mit einer Dynamik, mit der selbst die Optimisten nicht rechneten: Die Hochschulen entdecken die Lehre. Eine wachsende Zahl von Professoren, Studenten und Bildungspolitikern will ihre systematische Vernachlässigung nicht mehr hinnehmen. Und plötzlich werden Dozenten wie Hubert Truckenbrodt, der für seine innovativen Methoden den prestigereichen Landeslehrpreis Baden-Württemberg gewonnen hat, zu Stars auf dem Campus. Der Tübinger Rektor Bernd Engler sagt: »Universitäten, die im Wettbewerb um die besten Studenten bestehen wollen, können sich uninspirierte Hochschullehrer auf Dauer nicht leisten.«

Der Mentalitätswechsel war lange überfällig, doch dass er gerade jetzt Einzug hält in Deutschlands Hörsäle, ist kein Zufall. Die Einführung der international vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master läuft auf Hochtouren und schafft einen neuen Grad an Transparenz, gleichzeitig scheint das Kalkül der Studiengebühren-Fans aufzugehen. Zwar ist die Campus-Maut sozialpolitisch oft noch ungenügend abgefedert, zudem missbrauchen einige Hochschulen sie zum Stopfen von Haushaltslöchern, statt sie für Tutorien oder länger geöffnete Bibliotheken – sprich: eine bessere Lehre – einzusetzen. Doch die Marktmacht der Studenten ist gewachsen, 1000 Euro pro Jahr und Kopf sind ein gewichtiges Argument, mehr Erstsemester durch spannende Studienangebote anzulocken und dann durch gute Betreuung bei der Stange zu halten.

Orientierung für ihre Studienentscheidung suchen sich die künftigen Studenten in Uni-Rankings. Der so auf die Universitäten ausgeübte Druck, sich ständig dem Vergleich mit den anderen zu stellen und Schwächen zu beseitigen, ist enorm. Das aktuelle Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das die ZEIT in dieser Woche veröffentlicht, zeigt nun, nach Fächern sortiert, wie weit die Hochschulen mit ihrer Neuausrichtung gekommen sind. Eine Sonderauswertung der Daten belegt: Nirgendwo schneiden sie in Sachen Lehre so gut ab wie in Baden-Württemberg. Mannheim liegt in fünf von neun untersuchten geisteswissenschaftlichen Fächern überwiegend in der Spitzengruppe, Freiburg in sechs von zehn und Tübingen ebenfalls in sechs von zehn Fächern: in Anglistik/Amerikanistik (Lehramt), Erziehungswissenschaft, Germanistik und Geschichte (jeweils Fachstudium und Lehramt). »Besonders Tübingens gutes Abschneiden im Lehramt ist viel wert, in dem Bereich gibt es am häufigsten Probleme mit der Studienorganisation«, sagt Petra Giebisch vom CHE.

Die Beispiele der Universität Tübingen und des Landes Baden-Württemberg beweisen, dass Exzellenz in der Lehre planbar ist. Den Landeslehrpreis verleiht die Stuttgarter Regierung seit 1993, zudem hat sie die Hochschuldidaktikzentren massiv ausgebaut. Dort können Professoren ihre pädagogische Ausbildung nachholen – bislang auf freiwilliger Basis. Die Uni Tübingen wiederum hat schon unter Englers Vorgänger Motivationsanalysen für Studienanfänger etabliert und jetzt auch kleinere Gruppengrößen durchgesetzt, um die Abbrecherquote zu senken. Der Amerikanist Engler, selbst Preisträger des Landeslehrpreises, achtet bei Berufungen von Professoren genau darauf, dass diese sich auch in der Lehre hervorgetan haben. In Zukunft würde der neue Rektor gern herausragende Dozenten mit einem höheren Gehalt belohnen – was bei Forschern über die W-Besoldung längst funktioniert. In der Lehre ist das rechtlich kaum möglich. Dafür hat Tübingen bereits beschlossen, einen eigenen Uni-Lehrpreis zu vergeben.

Ähnliche Initiativen laufen mittlerweile überall in Deutschland. So will die Leuphana Universität Lüneburg künftig jedes Semester die zehn innovativsten Lehrveranstaltungen mit je 5000 Euro auszeichnen, wie in Tübingen sollen dafür Studiengebühren eingesetzt werden. Ob die Prämierung des Neurowissenschaftlers Christian Büchel zu Hamburgs bestem Doktorvater durch die Claussen-Simon-Stiftung oder der gerade von Stifterverband und Hochschulrektorenkonferenz an den Hallenser Juristen Rolf Sethe verliehene Ars-legendi-Preis: Private Stiftungen, öffentliche Verbände und auch immer mehr Bundesländer belohnen engagierte Dozenten mit einer wachsenden Zahl von Auszeichnungen. Den bislang großzügigsten Preis, der von nun an jährlich vergeben werden soll, hat der hessische Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) ausgelobt: 375000 Euro für exzellente Leistungen bei der Ausbildung, Beratung, Betreuung und Prüfung der Studenten.

»Wenn das Sozialimage der guten Hochschullehrer besser wird, können sich auch die anderen auf Dauer keine schlechte Lehre erlauben«, sagt Jürgen Zöllner (SPD). Der Berliner Bildungssenator, derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), hat im Januar eine Neuauflage des bundesweiten Elitewettbewerbs vorgeschlagen – diesmal für die Lehre. Zurzeit laufen die Beratungen in der KMK, möglicherweise könnte der Wettbewerb noch dieses Jahr starten und, so die Hoffnung, einen ähnlichen Effekt auf die Hochschulen haben wie der Exzellenzwettbewerb im Bereich Forschung.

Große Proteste des Hochschulverbandes, der Interessenvertretung der Professoren, hat indes der Vorschlag des Wissenschaftsrats ausgelöst, in dem Wissenschaftler und Bildungspolitiker gleichberechtigt zusammensitzen. Sie wollen eine Professur mit dem Schwerpunkt Lehre als eigenständigen Karriereweg etablieren. Begabte Dozenten sollen als Juniorprofessoren eingestellt und dann an Kompetenzzentren pädagogisch fortgebildet werden. Professoren, die Vorlesungstechniken büffeln und für ihr Engagement mit einer Dauerstelle belohnt werden – das käme tatsächlich einem »Tabubruch« gleich, sagt der Freiburger Professor Ulrich Herbert, der die zuständige Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats geleitet hat. Nun ist es wieder Baden-Württemberg, das vorprescht. Noch vor der Sommerpause soll der Landtag über die Neuregelung beraten, die den »Juniordozent« genannten Juniorprofessoren Lehre nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrats ermöglichen soll. »Wir wollen rasch eine weitere Stärkung der Lehre einleiten, nicht zuletzt angesichts der steigenden Bewerberzahlen«, begründet Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) die Eile.

Doch all die Preise, Initiativen und Gesetzesänderungen wären nichts ohne den Einsatz engagierter Dozenten – solcher wie Marietta Auer: Die Münchner Juristin und ihre Kollegen haben die Repetitoren das Fürchten gelehrt. Mit ihren Tutorien haben sie einen Mittelweg gefunden zwischen den für ihre Trockenheit berüchtigten Jura-Vorlesungen und der rein praxisbezogenen Paukerei privater Institute. »Wir bringen den Studenten das Denken bei mit unseren Fallbesprechungen, damit sie die Lösungen nicht nur auswendig können, sondern sie sich logisch erschließen«, sagt die 34-jährige Auer. Was wiederum ganz einfach klingt. Doch die Realität ist immer noch, dass neun von zehn Jura-Studenten vorm Examen zum Repetitor gehen. Darum hat Auer 2006 den bayerischen Preis für gute Lehre bekommen. Feste Sprechstunden hat sie übrigens nicht. Doch anders als bei faulen Profs, die sich so vor der Betreuungspflicht drücken, ist es bei ihr umgekehrt: »Ich möchte, dass die Studenten jederzeit zu mir kommen.«



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