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Mehr als Vitamin B

 

8000 Visitenkarten, ein Adressbuch mit 1000 Einträgen - Frank Schwalba-Hoth ist der Brüsseler Netzwerker. Ein Interview voller Tipps für Praktika und Karriere

ZEIT Campus: Sie gelten als der Mann, der die Menschen in Brüssel zusammenbringt. Wie wichtig ist Netzwerken in der heutigen Zeit?

Frank Schwalba-Hoth: Vielleicht war Netzwerken schon immer sehr wichtig, aber seitdem traditionelle Strukturen noch stärker als früher infrage gestellt werden, wird Netzwerken immer wichtiger. Das wird besonders deutlich in Brüssel als EU-Hauptstadt und New York als UN-Hauptstadt.

ZEIT Campus: Was unterscheidet Netzwerken von Vitamin B?

Schwalba-Hoth: Netzwerken ist viel mehr. Netzwerken heißt, offensiv auf Menschen mit anderem sozialen, kulturellen, nationalen und professionellen Hintergrund zugehen. Es geht darum, mit Menschen, die nicht notwendigerweise zum eigenen Kreis gehören, in Kontakt zu treten – eine Art Horizonterweiterung.

ZEIT Campus: Macht ein großes Netzwerk Können und Fachwissen überflüssig?

Schwalba-Hoth: Nein, auf keinen Fall. Ohne Können, Wissen und Kenntnisse geht es natürlich nicht. Aber es wird einfacher. Das ist wie bei einem Motor, der mit besserem Motorenöl eben auch effektiver läuft.

ZEIT Campus: Wann sollte man mit dem Aufbau eines Netzwerks beginnen? Schon während des Studiums?

Schwalba-Hoth: Damit beginnt man unbewusst manchmal schon im Kindergarten und im Freizeitbereich. Am besten ist es, wenn sich das ganz natürlich entwickelt: gemeinsame Erfahrungen haben, sich später kontaktieren, austauschen, nach Gemeinsamkeiten suchen.

ZEIT Campus: Welche Fähigkeiten braucht man?

Schwalba-Hoth: Man muss einfach offen gegenüber Menschen sein, interessiert, ohne dass es in Neugierde abrutscht, nicht nach seinem eigenen Vorteil trachten, Gegenseitigkeit schaffen. Vor allem muss man nach Konstellationen schauen, die beiden Seiten nutzen. Helfe ich dir, hilfst du mir – da kommt eine Art menschlicher Alchemieprozess in Gang.

ZEIT Campus: Viele Studenten möchten später zum Beispiel in der Europäischen Kommission arbeiten. Wie kommt man rein? Wer öffnet einem die Türen?

Schwalba-Hoth: Praktika sind ein guter Weg. Ich glaube, dass es keine Stadt auf dieser Welt gibt, in der es so viele Praktikanten gibt wie in Brüssel. Man sollte herausfinden, wer ein Büro in Brüssel hat, der einem nahe steht: die Landesvertretungen des eigenen Bundeslandes, der deutsche Gewerkschaftsbund, die Caritas oder Greenpeace, die Stiftungen oder die Parteien. Dann schaut man, in welcher Beziehung man zu denen steht, sucht also nach einer gemeinsamen Schnittmenge, beruft sich auf diesen Zusammenhang zwischen einem selbst und der Institution und schreibt eine Anfrage für ein Praktikum.

ZEIT Campus: Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man bei Ihnen ein Praktikum macht?

Schwalba-Hoth: Man braucht auf jeden Fall gute physische Fähigkeiten (lacht). Da die Praktikanten möglichst viel mitbekommen sollen, schlage ich ihnen vor, mit mir mitzulaufen. Täglich gibt es viele Termine in unterschiedlichen Gebäuden, da kommen etliche Kilometer zusammen.

ZEIT Campus: Wie verabschieden Sie sich am Ende von ihren Praktikanten?

Schwalba-Hoth: Ich sage: Danke, dass ich vier Wochen mit dir verbringen durfte.

ZEIT Campus: Worauf sollte man achten, wenn man ein Praktikum macht.

Schwalba-Hoth: Den größten Fehler, den man als Praktikant machen kann, ist, davon auszugehen, dass man 100 Prozent seiner Energie, Leidenschaft und Zeit einsetzen soll, um den oder die Chefin zufriedenzustellen. Meinen Praktikanten empfehle ich: 70-15-15. Das heißt: 70 Prozent Brillanz am Arbeitsplatz, 15 Prozent Umschauen, denn Brüssel hat auch ein großes kulturelles Angebot. Und schließlich 15 Prozent Beziehungen. Sie sollen offensiv auf andere Leute zugehen. Sie sollen Kontakte knüpfen zu Leuten aus anderen Ländern und so beginnen, sich ein professionelles Netzwerk aufzubauen.

ZEIT Campus: Sich ein Netzwerk aufbauen – das klingt erst einmal gar nicht so schwierig. Aber was macht man, wenn man von Natur aus nicht so offen ist?

Schwalba-Hoth: Kommt Zeit, kommt Rat. Ich war auch nicht immer so offen. Ich habe jeden Monat einen anderen Praktikanten. Ich halte sie dazu an, immer präsent zu sein. Das heißt, jeden Tag mit einer anderen Person zu Mittag zu essen, jede Woche mindestens an vier Empfängen und Konferenzen teilzunehmen. Und wenn ich dann auf meine Kollegen treffe, fragen die: Wie geht`s denn eigentlich Ihrer Praktikantin aus der Mongolei?

ZEIT Campus: Also kann man auch als Praktikant im Gedächtnis bleiben?

Schwalba-Hoth: Als Praktikant macht man oft den Fehler, sich kleiner, unwichtiger zu fühlen, als man eigentlich ist. Wenn man das tut, dann wird diese Wahrnehmung zur „self-fulfilling prophecy“. Dabei haben etliche Generaldirektoren in der EU ihre Karriere als Praktikanten begonnen.

ZEIT Campus: Wie wird man erfolgreich?

Schwalba-Hoth: Eine Regel ist sicher, nicht wie ein Verrückter nach einem Job suchen, sondern seine Antennen auszufahren und davon auszugehen, dass es da draußen irgendwo einen Job gibt, der auf mich wartet und mich findet. Ich bekomme so um die 100 Anfragen pro Jahr, ob ich nicht mal bei einem Gespräch gemeinsam die Jobmöglichkeiten ausloten kann. In rund einem Drittel der Fälle sehe ich dann später, dass es geklappt hat.

ZEIT Campus: Inwieweit muss man auch opportunistisch sein und seine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen, wenn es darum geht, gut anzukommen?

Schwalba-Hoth: Mit Opportunismus kommt man gerade bis zur nächsten Straßenecke, aber mittel- und langfristig verliert man dadurch an Ausstrahlung. Man sollte versuchen, sich weiter zu entwickeln, vor allem aber ganz natürlich und authentisch zu bleiben. Dann wird man auch vom Gegenüber ernster genommen.

ZEIT Campus: Welche Netzwerktipps können Sie Studenten mit auf den Weg geben?

Schwalba-Hoth: Ich lege zum Beispiel die Visitenkarten, die ich bekomme, nicht einfach ab. Auf die Vorderseite schreibe ich das Datum des Treffens, auf die Rückseite, die Dinge, die mein Gesprächspartner mir erzählt hat oder bestimmte Eigenarten von ihm. Dann sortiere ich sie in Plastikfolien, die ich nach geografischer Herkunft und dann mehr oder minder chronologisch geordnet habe. Wenn mich dann Bill aus New York anruft, schaue ich in meinen rund 8000 Visitenkarten unter USA und New York und finde die Karte so relativ schnell. So ist es dann möglich nachzufragen: Ach, wie geht es denn Mary und den Kids? Bist du immer noch bei den Vereinten Nationen?

ZEIT Campus: 8000 Visitenkarten – wie bleibt man mit so vielen Menschen in Kontakt?

Schwalba-Hoth: Zu Geburtstagen melde ich mich häufig auf der Grundlage einer Liste, die ich im Laufe der letzten Jahre angelegt habe. Wenn mir per E-Mail etwas zugeschickt wird, das Leute aus meinem erweiterten Bekanntenkreis interessieren könnte, leite ich es häufig an alle diese weiter.

ZEIT Campus: Welche Netzwerktipps gibt es noch?

Schwalba-Hoth: Eine Visitenkarte ist immer nützlich, in welcher Form auch immer. Wer die österreichische Tradition bevorzugt, setzt hinter den Namen alle seine, mehr oder minder wichtigen Abschlüsse und Titel. Wer einen Mittelweg gehen will, fügt eventuell seinen Beruf hinzu. Bei einem minimalistischen Ansatz genügen letztendlich Namen, Telefon, E-Mail- und Post-Adresse – weniger ist manchmal mehr.

ZEIT Campus: Gilt das auch in anderen Bereichen?

Schwalba-Hoth: Beim Lebenslauf gilt das sicher auch. Es gibt natürlich für einige Länder und Bereiche Standardvorschriften, aber generell sollte man auf den Adressaten achten. Ein Lebenslauf sollte Großzügigkeit ausstrahlen und nicht jedes eventuelle intellektuelle Highlight muss genannt werden. Wenn ein 25-Jähriger durch das Benennen aller Uniseminare und miterlebter Konferenzen auf drei Seiten kommt, kommt das nicht unbedingt positiv an.

ZEIT Campus: Es geht also um den Aufbau einer Corporate Identity?

Schwalba-Hoth: Richtig. Man muss überlegen, wie man sich präsentieren will, und damit dann auch indirekt übermitteln, was für Kapazitäten noch in einem stecken.

ZEIT Campus: Zielorientierte Selbstinszenierung könnte man das auch nennen, oder?

Schwalba-Hoth: (lacht) So in etwa. Man sollte aber in jedem Fall man selbst bleiben, ehrliches Interesse zeigen und sich nicht davon abhalten lassen, seine eigene Meinung zu haben und diese auch auszudrücken.

Die Fragen stellte Charlotte Potts
Frank Schwalba-Hoth, 54, arbeitet als „International political strategist“ in Brüssel. Der ehemalige grüne Europaabgeordnete coacht unter anderem Regierungen, Banken und Unternehmen. Einmal im Monat veranstaltet er in Brüssel seine Netzwerkdinners. Dazu lädt er 60 Menschen ein, die sich nicht kennen, um Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu erweitern.



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